Wie haben sie das eigentlich gemacht? Wie ist es ihnen gelungen, die Maßstäbe im ausgelieferten Hirn so zu verdrehen, dass sich das Wesen nicht nur ständig schuldig fühlt, sondern auch noch selbst ein Strafmaß verhängt, das meistens nicht nur drakonisch, sondern auch völlig unbegründet ist.
Eigentlich müssten sich die Peiniger ständig genüsslich die Hände reiben, denn sie hatten es geschafft, dass man sich permanent an einer vollkommen irrationalen Skala maß, ständig den utopischen Ansprüchen nicht genügen konnte und dass man sich in den zugeteilten Strafen ständig aufs Neue übertraf.
Wenn man sich dann vor Augen führte, dass die Peiniger nur über mittelmäßige Intelligenz verfügten, empfand man es als noch ungeheuerlicher, dass der Peiniger Strategie so gut aufgegangen war. Sie hatten einen nahezu unausradierbaren emotionalen Fußabdruck im kleinen Hirn hinterlassen. Nahezu. Weil man immer noch hoffte, dass die Erkenntnis und das Verstehen der Zusammenhänge der kleinen Seele irgendwann helfen würde, das Geschehene als Vergangenheit zu akzeptieren ohne die Gegenwart permanent zu manipulieren, zu deformieren und zu verfälschen.
Es kann doch nicht sein, dass diese mediokren Peiniger, die nicht mal ansatzweise versucht haben, ihr eigenes Tun moralisch in Frage zu stellen, letztendlich einen dauerhaften Sieg davontragen. Es gab nie eine Entschuldigung. Nur der hilflose Versuch der Rechtfertigung.
Größere Geister mögen verzeihen können. Man selbst konnte es nicht.
Ein Glimmer Wut schwelt im Hirn. Trotz, Widerstand. Die Peiniger hatten einen niemals kleiner machen können, als man sich selbst gemacht hatte. Das muss doch eigentlich auch umgekehrt funktionieren.
Manchmal hatte man sich rächen wollen. Hatte sich kurz vorgestellt, dass Rache das eigene Sein von der Ohnmacht und Hilflosigkeit befreien würde. Aber destruktives Denken verstärkt die Macht der Peiniger.
Stattdessen sollte man sich selbst bestärken, sich selbst annehmen. Grandioser Witz.
Kilometerfressend gastiere ich in einem Hort bürgerlichen Lebens und trage einen transparenten Kokon des angepassten Exotentums. Das Grundmotiv ist immer dasselbe: Welches von diesen Dingen passt nicht zu den anderen. Und egal, welche Konstellation auch gewählt wird, es ist immer das Schwarze.
Die täglichen Stunden auf der Autobahn sind Abstandshaltern gleich, morgens inneres Einstimmen auf die Spielregeln des Brotjobs und abends verwundertes Sinnen darüber, wie die Welt in manchen Bereichen funktioniert. Ich beherrsche die Spielregeln in ausreichendem Maße, um sie nicht immer befolgen zu müssen und einige neue ins Spiel bringen zu können.
Staunen auf der anderen Seite, weil Ansichten und Vorurteile nicht bestätigt werden, der eigene Wertekosmos nicht nur in Frage gestellt, sondern teilweise einfach abgelehnt wird.
Ich bin neugierig, teilweise verwundert, aber vollkommen neidlos. Der Abstand schärft den Blick - in beide Richtungen.
Im Scherz sage ich manchmal, ich sei wie Falschgeld, das taucht auch immer wieder mal auf und ist nicht gern gesehen... ;-) Ich bin ein unsteter Geist und es gibt einfach immer wieder Phasen, in denen ich von der Bildfläche verschwinde und mich noch nicht einmal bei engsten Freunden melde. Ich bin so gern allein in diesen Phasen. Ich musste mich mal wieder vollständig ins Off katapultieren, mein kleines Leben vor die Wand setzen und allen Halt verlieren, um zu merken, dass ich ich sein will.
In den letzten zwei Jahren ist vieles passiert, in gewissem Sinne war ich vogelfrei. Vogelfrei, haltlos, auch obdach-, mittel- und joblos. Alle Systeme auf Null heruntergefahren und in dem Moment, in dem ich nichts mehr hatte, war ich bereit, wieder von vorne zu beginnen.
Nun bin ich dabei, mir die "bürgerlichen Ehrenrechte" so langsam wiederzurückzuholen und mich einem äußerlich "normalen" Leben anzunähern.
Es scheint mir fast so, als hätte ich in den letzten zwei Jahren eine ganze Menge begriffen, einiges gelernt und mein eigenes Wertesystem neu ausgerichtet. Vor allem fühle ich, dass ich mir einige zusätzliche Freiheitsgrade erarbeitet habe, deren Kraft und Macht ich erst jetzt zu realisieren beginne.
Alles in allem, war es ein verflucht harter Weg, aber ein selbstgewählter und damit ist es gut so, auch wenn zwischenzeitlich Angst und Verzweiflung den Sieg davonzutragen schienen.
Aber ich bin eben doch wie Falschgeld. Ich tauche immer wieder auf ;-)